Das Instrument der Macht. Ein Blick in den poststrukturalistischen Werkzeugkasten.
Michel Foucaults Vorlesungen über ›Die Macht der Psychiatrie‹
Foucault hielt seine Vorlesungen über ›Die Macht der Psychiatrie‹ im Winter 1973 und 1974 am Collège de France. Es geht in ihnen um die Frage, wie es in der ›Zusammenfassung‹ der Vorlesungsreihe heißt, um »zwei Themen: die Geschichte der Institution und des Spitals im 18. Jahrhundert; und die Erforschung des medizinisch-juristischen Fachwissens im Bereich der Psychiatrie seit 1820.« (S. 504)
Es geht nicht nur um die Frage, was normal ist, sondern auch was die »normale Krankheit« ist. Um die Frage, wer wie und wo über die Krankheit entscheidet und welche Form von Wissen dafür notwendig ist, wer über dieses Wissen verfügt und wo es erzeugt wird. Ferner geht es um die Frage, wie dieses Wissen mit der psychiatrischen Erkrankung, dem Wahnsinn – als Nichtwissen – in Zusammenhang steht und sich eine Wechselbeziehung ergibt, die sich schließlich auch im Raum der psychiatrischen Praxis wieder findet: in der Anstalt. Foucault will den Übergang untersuchen, unter welchen Bedingungen das Spital zunächst, nämlich etwa zwischen 1760 bis 1860, ein Ort war, an dem die Krankheit auch erzeugt wurde, an dem sie wachsen und sich entwickeln sollte, damit man sie behandeln konnte, später aber in jenen Ort sich verwandelte, an dem die Krankheit, um sie zu bekämpfen, ausgeschlossen, verhindert und unterdrückt wurde. Dies impliziert weitere Umbrüche im Umgang mit dem Wahnsinn, zum Beispiel jenen, vom Wahnsinn als bloße »Täuschung«, oder »Irrtum« zum Wahnsinn als Krankheit (vgl. S. 492). Auch Veränderungen, die sich in der Figur des Arztes vollziehen kommen hinzu, etwa die Desinfektion, das Händewaschen, die Reinigung: »Durch die Desinfektion gewannen Arzt und Krankenhaus eine neue Unschuld, die ihnen neue Macht und einen neuen Status im Denken der Menschen verlieh.« (S. 492)
Im Zentrum der Untersuchungen stehen aber die Wechselbeziehungen von Einschluss und Ausschluss als Machtbeziehungen, aus welchen die Genealogie der Psychiatrie hervorgeht. »In erster Linie implizieren diese Machtbeziehungen das absolute Recht des Nichtwahnsinns über den Wahnsinn, verstanden als Ausübung einer Kompetenz gegenüber einem Nichtwissen; als gesunder Menschenverstand (im Zugang zur Realität), der Irrtümer (Täuschungen, Halluzinationen, Wahnvorstellungen) korrigiert, und als eine Normalität, die gegen Unordnung und Abweichung durchgesetzt wurde.« (S. 503)
Hypothese ist ferner, dass die Psychiatrie die von ihr »beschriebene hysterische Krise selbst erzeugte«; dies habe sein »Äquivalent« in der klinischen Medizin, »wonach der Arzt selbst für die Ausbreitung der Krankheiten sorgte, die er eigentlich bekämpfen sollte.« (vgl. S. 497)
Dieses führt Foucault zur Diskussion der damaligen Antipsychiatriebewegung: »Die Machtbeziehungen bildeten das Apriori der psychiatrischen Praxis; sie bestimmten die Funktionsweise der Institution, die Beziehungen zwischen den Beteiligten und die Form des ärztlichen Eingriffs. Dagegen versucht die Antipsychiatrie nun, die Machtbeziehungen ins Zentrum der Problemstellung zu rücken und grundsätzlich in Frage zu stellen.« (S. 503)
…
Michel Foucault, ›Die Macht der Psychiatrie‹, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2005, 596 S. geb., 36 Euro
Freibaduniversität September 2007
László Moholy-Nagy: Die Dynamik der Groß-Stadt als Typofoto
»Was wir brauchen, ist nicht das ›Gesamtkunstwerk‹, neben dem das Leben getrennt hinfließt, sondern die sich selbst aufbauende Synthese aller Lebensmomente zu dem alles umfassenden Gesamtwerk (Leben), das jede Isolierung aufhebt, in dem alle individuellen Leistungen aus einer biologischen Notwendigkeit entstehen und in eine universelle Notwendigkeit münden.« László Moholy-Nagy, ›Malerei Fotografie Film‹ (Berlin 1986 [1927], S. 15)
László Moholy-Nagy, geboren 1895, verbringt seine Jugend- und Studienjahre in Budapest. Zunächst will er Schriftsteller werden, veröffentlicht einige Gedichte und kleine Texte, nimmt dann ein Jurastudium auf. Während des Ersten Weltkriegs beginnt Moholy-Nagy zu Zeichnen und zu Malen. Mit 23 Jahren steht der Entschluss fest, Künstler zu werden: Maler. Verwundet und traumatisiert aus dem Krieg nach Budapest zurückgekehrt, besucht er 1918 Abendkurse der Kunstschule bei dem – von Cezanne beeinflussten – Maler Róbert Berény. Ein Jahr später schließt Moholy-Nagy sich der von Lajos Kassák initiierten Zeitschriftengruppe ›MA‹ (ungarisch für ›heute‹) an und geht nach Wien. Über Ausstellungen, die Arbeiten von Malewitsch, Lissitzky und Naum Gabo zeigen, entdeckt Moholy-Nagy den Suprematismus und Konstruktivismus, fängt an, sich für Dada zu interessieren. Von Wien aus kommt Moholy-Nagy 1920 nach Berlin, wo er 1922 seine erste Einzelausstellung hat. Mit Raoul Hausmann, Hans Arp und Ivan Puni verfasst Moholy-Nagy das Manifest ›Aufruf zur elementaren Kunst – an die Künstler der Welt!‹, welches im Oktober 1921 in ›De Stijl‹ erscheint. Mit Lucia Schultz – sie heiraten 1921 – experimentiert er mit Fotogrammen. Das Ehepaar nimmt 1922 am Dadaisten-Kongress in Weimar teil.
In diesen Jahren, 1921/22, entsteht eine erste Manuskriptfassung von ›Dynamik der Groß-Stadt‹ – auf ungarisch, obgleich wohl sicher ist, dass Moholy-Nagy Berlin beim Skizzieren des Manuskriptes vor Augen hatte. In Berlin, das zwar schon 1740 als Großstadt (über 100.000 Einwohner) gilt, erreicht die Bevölkerungszahl erst 1875 die Millionengrenze; durch das Groß-Berlin-Gesetz von 1920 und die damit verbundene Eingemeindung umliegender Dörfer und Kleinstädte wird schließlich die Viermillionen-Marke überschritten. War Berlin – seit 1871 Reichshauptstadt – vorher schon Brennpunkt der politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa, gehört es nun wie Paris oder London zu den großen Zentren der ästhetischen Moderne und der künstlerischen Avantgarde. Es sind die Goldenen Zwanziger, in denen es für kurze Zeit »wie die offene Möglichkeit einer politisch befreiten Gesellschaft« aussah, wie Adorno bemerkt. Erwin Piscator – für den Moholy-Nagy zwischen 1928 und 1933 Bühnengestaltungen macht –, Ernst Krenek, Kurt Weill, Carl von Ossietzky und Bertolt Brecht revolutionieren Literatur, Musik und Theater; es ist die Zeit der neuen Opern, der neuen Töne, aber auch der großen Revuetheater und der ›Weltbühne‹. Die Architektengruppe ›Der Ring‹, zu der etwa Erich Mendelssohn, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe gehören, hat in Berlin ihr Büro – Berlin ist ein wichtiger Ort des Neuen Bauens. Ebenfalls ist Berlin schon Kinostadt – die Filmtheater zeigen auch neuste Produktionen aus der Filmstadt Babelsberg bei Berlin, damals bereits das deutsche Hollywood genannt. Die Stadt selbst wird zur Bühne, Ausdruck des völlig veränderten Alltagslebens – Döblin hält das in ›Berlin Alexanderplatz‹ von 1929 fest. Auf dem Kurfürstendamm sind die Künstlerlokale und die Cafés, in denen sich Revolutionäre und Bohemiens treffen; hier tritt Anfang 1926 Josephine Baker im Nelson-Theater erstmals in Deutschland auf. Auch der technische Fortschritt hält in Berlin Einzug: die AEG liefert den Strom dazu, Berlin ist eine regelrechte »Elektropolis«, die Nächte sind von Leuchtreklamen und Straßenlampen erhellt. Die ersten Ampeln gibt es in Berlin (am Potsdamer Platz; heute eine restaurierte Sehenswürdigkeit). Der Kraftverkehr ist Großstadtverkehr, oder besser: die Großstadt ist Kraftverkehr. (Im Südwesten Berlins wird 1921 die AVUS, die ›Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße‹ als erste reine Autostraße Europas für den öffentlichen Verkehr freigegeben). Und ebenfalls berühmt: der Zoologische Garten mit seinen exotischen Tieren. – »Die Bewegung des Autos wird für eine schonungslose Einführung benötigt. Für atemloses Sausen und für das Chaos der Stadt. Der Tiger als Kontrast. Auch soll sich das Publikum schon am Anfang des Films an solche Überraschungen und Inkonsequenzen gewöhnen. (Der Film will weder lehren noch moralisieren oder erzählen, er möchte nur visuell wirken.) Brücken, Züge, Schiffe usw. als Ausdruck städtischer Zivilisation.«
»Was wir brauchen, ist nicht das ›Gesamtkunstwerk‹, neben dem das Leben getrennt hinfließt, sondern die sich selbst aufbauende Synthese aller Lebensmomente zu dem alles umfassenden Gesamtwerk (Leben), das jede Isolierung aufhebt, in dem alle individuellen Leistungen aus einer biologischen Notwendigkeit entstehen und in eine universelle Notwendigkeit münden.« László Moholy-Nagy, ›Malerei Fotografie Film‹ (Berlin 1986 [1927], S. 15)
László Moholy-Nagy, geboren 1895, verbringt seine Jugend- und Studienjahre in Budapest. Zunächst will er Schriftsteller werden, veröffentlicht einige Gedichte und kleine Texte, nimmt dann ein Jurastudium auf. Während des Ersten Weltkriegs beginnt Moholy-Nagy zu Zeichnen und zu Malen. Mit 23 Jahren steht der Entschluss fest, Künstler zu werden: Maler. Verwundet und traumatisiert aus dem Krieg nach Budapest zurückgekehrt, besucht er 1918 Abendkurse der Kunstschule bei dem – von Cezanne beeinflussten – Maler Róbert Berény. Ein Jahr später schließt Moholy-Nagy sich der von Lajos Kassák initiierten Zeitschriftengruppe ›MA‹ (ungarisch für ›heute‹) an und geht nach Wien. Über Ausstellungen, die Arbeiten von Malewitsch, Lissitzky und Naum Gabo zeigen, entdeckt Moholy-Nagy den Suprematismus und Konstruktivismus, fängt an, sich für Dada zu interessieren. Von Wien aus kommt Moholy-Nagy 1920 nach Berlin, wo er 1922 seine erste Einzelausstellung hat. Mit Raoul Hausmann, Hans Arp und Ivan Puni verfasst Moholy-Nagy das Manifest ›Aufruf zur elementaren Kunst – an die Künstler der Welt!‹, welches im Oktober 1921 in ›De Stijl‹ erscheint. Mit Lucia Schultz – sie heiraten 1921 – experimentiert er mit Fotogrammen. Das Ehepaar nimmt 1922 am Dadaisten-Kongress in Weimar teil.
In diesen Jahren, 1921/22, entsteht eine erste Manuskriptfassung von ›Dynamik der Groß-Stadt‹ – auf ungarisch, obgleich wohl sicher ist, dass Moholy-Nagy Berlin beim Skizzieren des Manuskriptes vor Augen hatte. In Berlin, das zwar schon 1740 als Großstadt (über 100.000 Einwohner) gilt, erreicht die Bevölkerungszahl erst 1875 die Millionengrenze; durch das Groß-Berlin-Gesetz von 1920 und die damit verbundene Eingemeindung umliegender Dörfer und Kleinstädte wird schließlich die Viermillionen-Marke überschritten. War Berlin – seit 1871 Reichshauptstadt – vorher schon Brennpunkt der politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa, gehört es nun wie Paris oder London zu den großen Zentren der ästhetischen Moderne und der künstlerischen Avantgarde. Es sind die Goldenen Zwanziger, in denen es für kurze Zeit »wie die offene Möglichkeit einer politisch befreiten Gesellschaft« aussah, wie Adorno bemerkt. Erwin Piscator – für den Moholy-Nagy zwischen 1928 und 1933 Bühnengestaltungen macht –, Ernst Krenek, Kurt Weill, Carl von Ossietzky und Bertolt Brecht revolutionieren Literatur, Musik und Theater; es ist die Zeit der neuen Opern, der neuen Töne, aber auch der großen Revuetheater und der ›Weltbühne‹. Die Architektengruppe ›Der Ring‹, zu der etwa Erich Mendelssohn, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe gehören, hat in Berlin ihr Büro – Berlin ist ein wichtiger Ort des Neuen Bauens. Ebenfalls ist Berlin schon Kinostadt – die Filmtheater zeigen auch neuste Produktionen aus der Filmstadt Babelsberg bei Berlin, damals bereits das deutsche Hollywood genannt. Die Stadt selbst wird zur Bühne, Ausdruck des völlig veränderten Alltagslebens – Döblin hält das in ›Berlin Alexanderplatz‹ von 1929 fest. Auf dem Kurfürstendamm sind die Künstlerlokale und die Cafés, in denen sich Revolutionäre und Bohemiens treffen; hier tritt Anfang 1926 Josephine Baker im Nelson-Theater erstmals in Deutschland auf. Auch der technische Fortschritt hält in Berlin Einzug: die AEG liefert den Strom dazu, Berlin ist eine regelrechte »Elektropolis«, die Nächte sind von Leuchtreklamen und Straßenlampen erhellt. Die ersten Ampeln gibt es in Berlin (am Potsdamer Platz; heute eine restaurierte Sehenswürdigkeit). Der Kraftverkehr ist Großstadtverkehr, oder besser: die Großstadt ist Kraftverkehr. (Im Südwesten Berlins wird 1921 die AVUS, die ›Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße‹ als erste reine Autostraße Europas für den öffentlichen Verkehr freigegeben). Und ebenfalls berühmt: der Zoologische Garten mit seinen exotischen Tieren. – »Die Bewegung des Autos wird für eine schonungslose Einführung benötigt. Für atemloses Sausen und für das Chaos der Stadt. Der Tiger als Kontrast. Auch soll sich das Publikum schon am Anfang des Films an solche Überraschungen und Inkonsequenzen gewöhnen. (Der Film will weder lehren noch moralisieren oder erzählen, er möchte nur visuell wirken.) Brücken, Züge, Schiffe usw. als Ausdruck städtischer Zivilisation.«
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